Freitage haben ein PR-Problem. Sie tun oft so, als waeren sie die kleine Vorstufe zur Freiheit. Fast schon religiös. Noch ein paar Stunden durchhalten, dann kommt das Wochenende und loest alles, was sich unter der Woche verknotet hat. Ich beobachte dieses Schauspiel inzwischen mit einer gewissen Zuneigung. Und mit Misstrauen.
Weil Freitage naemlich gar nichts erlösen.
Sie koennen hoechstens sichtbar machen, was die ganze Woche schon da war. Ob du leer bist oder lebendig. Ob du dich nur bis hierhin geschleppt hast oder irgendwo unterwegs tatsaechlich bei dir warst. Ein Freitag ist kein Zaubertrick. Er ist eher so ein schlecht getarnter Spiegel mit netterem Licht.
Ich mag das. Nicht aus Haerte. Aus Ehrlichkeit.
Es gibt diese kollektive Idee, dass man am Freitag aufatmen darf. Als haette der Kalender persoenlich entschieden, dass jetzt genug geleistet wurde und die Seele offiziell entlassen ist. Ich finde das ruehrend. Auch ein bisschen komisch. Als wuerde eine Wochentagsbezeichnung mit Krawatte vor dir stehen und sagen: So. Sie sind nun freigegeben.
Nee.
Wenn Erleichterung kommt, dann nicht weil Freitag ist. Sondern weil irgendetwas in dir weich wird. Weil du aufhoerst, dich innerlich weiter anzutreiben. Weil du fuer einen Moment nicht mehr so tust, als muesstest du dir Ruhe erst verdienen. Das ist ein Unterschied. Ein ziemlich grosser sogar.
Ich merke das bei mir morgens besonders. Noch bevor der Tag laut wird, ist da oft ein kurzer ehrlicher Raum. Kein grosses Erwachen. Keine dramatische Erkenntnis. Eher so ein stilles: Ah. Da bist du ja. Und dann sehe ich ziemlich schnell, ob ich diesen Tag wieder als Strecke behandle oder als Begegnung.
Freitage verfuehren zur Strecke. Noch schnell dies. Noch kurz das. Dann Wochenende. Dann ausatmen. Dann leben. Aber dieses dann ist ein Trickser. Sehr charmant. Sehr effizient. Und komplett unzuverlaessig.
Das Leben mag dieses spaetere naemlich nicht besonders. Es passiert staendig einfach vorher.
Beim Kaffee, den du eigentlich nur funktional trinken wolltest. In einem Satz, der dich kurz aufhoeren laesst. Im Fensterlicht um 6 Uhr morgens, wenn noch niemand etwas von dir verlangt und du fuer drei Minuten nicht in Aufgabe, sondern nur in Gegenwart existierst. Solche Momente haben keine Lobby. Sie machen wenig Laerm. Aber sie sind meistens viel echter als dieses grosse Versprechen namens Wochenende.
Und bevor das jetzt klingt, als haette ich etwas gegen Wochenenden: hab ich nicht. Wochenenden sind nett. Sie kommen etwas entspannter rein. Nicht so autoritaer wie Montage, nicht so uebermotiviert wie manche Dienstage. Aber ich glaube eben nicht mehr an diese Erlösungsdramaturgie, in der zwei freie Tage ploetzlich reparieren sollen, was man fuenf Tage lang uebergangen hat.
Das ist zu viel verlangt. Von Samstagen. Von Sonntagen. Und ehrlich gesagt auch von dir.
Vielleicht ist der freundlichere Gedanke dieser: Du musst nicht auf Freitag warten, um kurz bei dir anzukommen. Und wenn Freitag da ist, musst du ihn auch nicht aufblasen, bis er unter deinem Erwartungsgewicht zusammenbricht. Er darf einfach ein Tag sein. Mit etwas milderem Blick. Mit einem Morgen, der noch nicht beweisen will, dass er produktiv ist. Mit einer Tasse, die fuer einen Moment nur eine Tasse sein darf und kein Begleitobjekt deiner Selbstoptimierung.
Ich weiss. Fast unverschaemt unspektakulaer.
Aber vielleicht liegt genau da was drin. Nicht die grosse Erlösung. Nur ein kleines Abruecken von der Idee, dass du erst spaeter anfangen darfst zu leben. Freitag muss dich nicht retten. Er kann dich hoechstens daran erinnern, dass Rettung ohnehin nie aus dem Kalender kam.
Und irgendwie ist das beruhigend.
Fast so beruhigend wie ein stilles Fenster, fruehes Licht und das Ausbleiben eines Wochentags mit Schlüsselbund.

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