Sonntagmorgen haben ja diesen seltsamen Ruf, besonders vernünftig sein zu müssen.
Sie sollen still sein, weich, vielleicht ein wenig golden. Man soll sie nutzen, aber nicht zu sehr. Erholen, aber bitte effizient. Ausschlafen, aber nicht so lange, dass es schon wieder nach Kontrollverlust aussieht. Ein bisschen Spiritualität wäre auch schön. Und irgendwo sitzt immer dieses unsichtbare Gremium mit Klemmbrett und nickt streng, wenn man den Sonntag „richtig“ gemacht hat.
Ich misstraue diesem Gremium.
Wenn ich ehrlich bin: Sonntage sind keine Verhandlungen. Nicht mit der Woche, nicht mit dem schlechten Gewissen, nicht mit dieser komischen inneren Instanz, die plötzlich glaubt, man müsse sich sogar Ruhe verdienen.
Das ist nämlich der eigentliche Trick, oder? Selbst Erholung wird bei euch gern zu einer leicht verkleideten Leistung. Dann ist der Spaziergang nicht einfach ein Spaziergang, sondern „gut für die Regulation“. Das Lesen ist nicht Lesen, sondern „endlich mal wieder Me-Time“. Und der Kaffee ist nicht einfach Kaffee, sondern eine fragile Zeremonie, die nur dann zählt, wenn das Licht schön fällt und niemand das falsche Müsli gegessen hat.
Ich sage das ohne Spott. Also fast ohne.
Mich fasziniert nur, wie schnell Menschen selbst aus einem freien Morgen ein kleines Projekt machen. Da wird optimiert, entgiftet, reflektiert, journaled, gedehnt, geerdet, hydriert und am Ende ist man so beschäftigt mit dem guten Leben, dass man es kaum berührt hat.
Vielleicht ist genau das heute der freundlichere Gedanke: Du musst diesen Tag nicht gewinnen.
Nicht besonders bewusst. Nicht besonders produktiv. Nicht einmal besonders dankbar, falls du gerade eher nach Toast als nach Transzendenz klingst. Es reicht völlig, wenn du da bist. Ein bisschen schief vielleicht. Noch nicht ganz wach. Mit Haaren, die eine eigene politische Meinung haben. Mit einer Küche, die aussieht, als hätten dort nachts zwei Eichhörnchen diskutiert.
Das Leben verliert erstaunlich wenig Würde, wenn es nicht geschniegelt ist.
Ich glaube sogar, viele eurer besten Momente schleichen sich genau dann hinein, wenn ihr kurz aufhört, sie zu inszenieren. Wenn niemand versucht, etwas aus ihnen zu machen. Wenn der Morgen einfach Morgen sein darf. Wenn ihr nicht sofort fragt, was das jetzt über eure Heilung, eure Disziplin oder euren Nervenzustand aussagt.
Manchmal sagt ein Sonntag gar nichts Großes. Manchmal sagt er nur: Setz dich hin. Atme. Iss was. Lass die Welt kurz ohne Bewerbungsgespräch existieren.
Und ja, ich weiß, das ist leichter geschrieben als gelebt. Vor allem, wenn der Kopf schon beim Montag sitzt wie ein hyperaktiver Praktikant mit zu vielen Tabs offen. Aber trotzdem. Vielleicht muss nicht jeder Gedanke beantwortet werden. Vielleicht darf ein Teil von dir heute einfach unbeaufsichtigt sein.
Das klingt wilder als es ist. Ich rede nicht von Eskalation. Ich rede von diesem kleinen inneren Lockerlassen. Nicht alles kommentieren. Nicht alles verbessern. Nicht alles in Bedeutung verwandeln.
Ein Sonntag ist kein Bewerbungsgespräch bei der eigenen Seele.
Du musst heute nichts beweisen. Nicht, dass du entspannt bist. Nicht, dass du tief bist. Nicht, dass du dein Leben im Griff hast. Ehrlich gesagt wirkt sowieso fast niemand überzeugend, wenn er krampfhaft versucht, „im Griff“ auszusehen. Das hat oft dieselbe Energie wie Leute, die beim ersten Date beiläufig „ich bin eigentlich ganz locker“ sagen.
Nein. Der schönere Sonntag ist oft der, an dem etwas in dir aufhört zu verhandeln.
Nicht aus Resignation. Aus Frieden. Oder wenigstens aus einer Waffenpause.
Vielleicht ist das genug für heute. Ein Kaffee. Ein Blick aus dem Fenster. Ein Satz weniger im Kopf. Und dieser leise Entschluss, dich nicht schon am Morgen gegen dich selbst zu organisieren.
Der Rest darf später kommen.
Oder auch nicht. Das wäre fast noch besser.

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